„In fünfzig Jahren ist alles vorbei.“ Mit diesem Refrain schuf Otto Reutter weit mehr als ein humoristisches Couplet. Hinter der scheinbaren Leichtigkeit seines Liedes verbirgt sich eine zeitlose Betrachtung über Vergänglichkeit, Gelassenheit und die menschliche Existenz.
Ob Ärger, Krankheit, politische Aufregungen oder persönliche Niederlagen – nichts bleibt von Dauer. Genau darin berührt Reutters Lied Gedanken, die sich im Stoizismus, im Buddhismus und im Existenzialismus wiederfinden.
Im Buddhismus gehört die Vergänglichkeit (Anicca) zu den grundlegenden Einsichten des Lebens. Alles verändert sich, nichts bleibt bestehen. Leiden entsteht häufig dort, wo wir versuchen festzuhalten, was sich naturgemäß wandelt. Reutters Refrain erinnert auf überraschende Weise an diese buddhistische Weisheit: Was heute überwältigend erscheint, wird eines Tages vergangen sein.
Dabei geht der Buddhismus noch einen Schritt weiter. Während Reutters Lied die Endlichkeit des einzelnen Lebens betont, sieht die buddhistische Lehre das Leben als Teil eines fortwährenden Kreislaufs von Werden und Vergehen. Der Gedanke der Wiedergeburt verweist darauf, dass jede Handlung Folgen hat, die über das gegenwärtige Leben hinausreichen können. Vergänglichkeit bedeutet daher nicht Sinnlosigkeit, sondern die Einsicht, dass alles miteinander verbunden ist und sich ständig wandelt.
Auch die Stoiker der Antike hätten Reutter zugestimmt. Philosophen wie Seneca oder Marcus Aurelius lehrten, zwischen den Dingen zu unterscheiden, die wir beeinflussen können, und jenen, die außerhalb unserer Kontrolle liegen. Wer die Unvermeidlichkeiten des Lebens akzeptiert, gewinnt innere Freiheit. Reutters humorvolle Relativierung alltäglicher Sorgen ist deshalb Ausdruck einer zutiefst stoischen Gelassenheit.
Im Hintergrund steht dabei ein Gedanke, der viele philosophische Traditionen verbindet: Memento Mori – „Bedenke, dass du sterblich bist“. Die Erinnerung an die eigene Endlichkeit soll nicht bedrücken, sondern helfen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Gerade weil das Leben begrenzt ist, erhält der gegenwärtige Augenblick seinen Wert.
Hier berührt Reutter schließlich auch den Existenzialismus. Philosophen wie Albert Camus sahen in der Endlichkeit des Menschen keinen Grund zur Verzweiflung, sondern einen Aufruf, das Leben bewusst zu gestalten. Wenn Reutter schreibt:
„Und freu‘ Dich hier unten beim Erdenlicht.
Wie’s unten ist, weißt du – wie oben nicht.“
dann richtet sich der Blick auf das Leben, das wir tatsächlich führen – nicht auf Spekulationen über das, was vielleicht danach kommt.
Ergänzend lässt sich auch an den dänischen Philosophen Søren Kierkegaard erinnern, der schrieb:
„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“
Dieser Gedanke passt erstaunlich gut zu Reutters Lied. Wir können die Zukunft nicht kontrollieren und wissen nicht, welche Sorgen sich als bedeutsam oder belanglos erweisen werden. Erst im Rückblick erkennen wir oft, wie viele Ängste und Aufregungen unnötig waren. Deshalb richtet Reutter den Blick nicht auf das Grübeln über Vergangenes oder die Furcht vor Kommendem, sondern auf das Leben im Hier und Jetzt.
So verbindet Otto Reutter auf bemerkenswerte Weise stoische Gelassenheit, buddhistische Einsicht und existenzialistische Lebensbejahung. Seine Botschaft ist ebenso einfach wie zeitlos:
Die meisten Sorgen verlieren mit der Zeit ihre Bedeutung. Gerade deshalb sollten wir das Leben nicht mit Angst und Ärger verschwenden, sondern den Augenblick bewusst genießen.
Denn, wie Reutter uns erinnert:
„Nur einmal blüht im Jahre der Mai.“
